Marienbilder, Milchbars und Musik – Städtetrip nach Warschau

Nach dem Ausflug ins ländliche Polen haben wir uns noch einige Tage in Warschau umgesehen und wie immer die kulinarischen, kommerziellen und kulturellen Angebote gecheckt.

Im alten und neuen Praga

Unser Ausgangspunkt ist das Viertel Praga auf der östlichen Seite der Weichsel. Nicht unbedingt die naheliegende Gegend für Touristen, dafür aber um so interessanter. Praga ist an vielen Orten sehr heruntergekommen. An den Häusern kann man eine Geschichte von Zerstörung, Verfall und Armut ablesen. In manchen Häusern kann man erahnen, dass sie aus der Gründerzeit stammen, es gibt Jugendstil- und Art Deco Elemente, doch alles ist in einem wirklich schlechten Zustand.Praga10Praga12

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Auf dem freigelegten Ziegelwerk sprießen dafür die Graffiti und bringen etwas Farbe in ein sonst eher graues Viertel. Man muss hier auf Entdeckungsreise gehen, will man herausfinden, was den Charme des Viertels ausmacht.

Praga2Die Polen lieben ihre Maria (und haben sie über die Jahrhunderte auch einige Male zur Königin Polens ernannt) und das nicht nur am 15.08. – Maria Himmelfahrt – die hier sehr groß gefeiert wird, sondern auch im Alltag. Deshalb gibt es in den meisten Hofeingängen und Hinterhöfen in Praga noch Marienbilder und Statuen, für das schnelle Gebet zwischendurch. Im Rest von Warschau sind diese „Hausaltäre“ schon weitestgehend verschwunden, hier in Praga leuchten sie einen noch nachts aus der Dunkelheit an und sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre.

Überhaupt sind die Hinterhöfe in Praga der Zentrum des sozialen Lebens. In den Nischen treffen sich jugendliche Pärchen und im Hof sitzen die Omas im Kreis und quatschen.

Hotel10Typisch Großstadt bringen nicht-sanierte Häuserblocks einen entscheidenden Vorteil mit sich: niedrige Mieten. Kein Wunder also, dass in Praga Boutiquen, Galerien, Hostels und Hotels und Cafés entstehen, die von jungen Warschauern geführt werden. Somit wird das alte Viertel zu neuem Leben erweckt, auch wenn der jetzige Charme wohl so nicht mehr ewig bestehen bleiben wird. Denn sind erstmal die jungen Männer mit den Schnurrbärten und die Mädels mit dem Dutt da, gibt es bald Craft Beer Bars, Burgerläden und Kaffee aus eigener Röstung – und irgendwann nur noch schicke, unbezahlbare Citylofts. Gentrifizierung halt.

Unser Hotel Stalowa52 trägt seine Adresse im Namen und ist sehr charmant und gemütlich eingerichtet.

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Direkt daneben liegt das Artbistro in dem wir nicht nur Frühstück sondern auch immer wieder abends gegessen haben. Zum Beispiel Sepia-Spaghetti mit scharfen Garnelen, Rote Beete-Carpaccio mit Linsen, Rucola und Ziegenkäse oder in Bacon gewickeltes Hühnchen mit Pastinaken-Püree und Johannisbeer-Soße.

Was ist besonders schön?

Reden wir nicht drum herum – Warschau (nicht nur Praga) ist nicht schön. Und das sagen wir, die aus Berlin hierher kommen, eine Stadt, die auch nicht gerade zu den schönsten der Welt zählt. Angesichts dessen, dass man Warschau allerdings 1944 dem Erdboden gleich machen wollte und das auch sehr gut hinbekommen hat, ist es erstaunlich, dass es nicht schlimmer ist. Die Altstadt ist zum Beispiel wieder hergestellt und trotzdem kaum Originalmaterial mehr da war, sieht sie nicht so Freizeitpark-mäßig aus, wie in Budapest.Altstadt3

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Ansonsten gibt es viele Wohnviertel mit Plattenbauten aber dazwischen wird gebaut und weiterhin daran gearbeitet, Warschau ansehnlich zu machen.

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Was muss man unbedingt anschauen?

Park4Eine dieser sehr ansehnlichen Ecken ist der Park Lazienki Krolewskie mit diversen Museen, einem botanischen Garten und viel Platz um auch bei 34 Grad zu entspannen. Im Sommer gibt es noch ein weiteres Highlight, immer sonntags 12:00 und 16:00 am Chopin-Denkmal. Die Warschauer lieben ihren Chopin und in diesem Jahr gibt es bereits die 65. Ausgabe der kostenlosen Chopin-Konzerte im Park. Dazu findet sich alt und jung, groß und klein ein und lauscht für eine Stunden polnischen oder ausländischen Pianisten bei der Darbietung ihrer liebsten Chopinstücke.

Von der Altstadt aus, kann man in den Süden der Stadt spazieren, am besten entlang der Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie. Entlang der Straße stehen Sitzbänke aus denen die passende Musik für das jeweilige Kulturdenkmal, vor dem man gerade sitzt, erklingt. Sehr unterhaltsam.

Pracht2Pracht1Ab dem Rondo Charles de Gaulle kann man dann die sozialistische Variante entlang der Ulica Marszalkowa (erinnert ein bisschen an die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain) oder etwas kleiner und schicker entlang der Ulica Motokowska bis zum Plac Zbawiciela wählen, schauen, shoppen und sich die Füße platt laufen.

Was muss nicht sein?

Der Kulturpalast – angesichts seiner Größe nicht zu ignorieren, war das stalinistische „Geschenk“ früher verhasst und ist heute zumindest von den Warschauern liebgewonnen. Für Touristen eine eher langweilige und langwierige Angelegenheit. Wer’s mag.Kultur1

Auch nicht sein muss: Schlange stehen. Wenn man sich aber, wie wir, nicht vorher informiert, was die Museen in Warschau angeht, dann steht man schnell in besagter Schlange. Am Sonntag ist im Museum über den Warschauer Aufstand der Eintritt frei – und die Warschauer zelebrieren „ihren“ Aufstand, der DAS prägende geschichtliche Ereignis für die Stadt war. Entsprechend unmöglich ist es, ins Museum zu kommen. Zu viele Touristen wiederum wollen ins angeblich beste Museum Warschaus, das Kopernikus Wissenschaftszentrum. Hier sollte man unbedingt online Tickets kaufen, sonst wird der Besuch nichts – wie wir leider feststellen mussten.

Wo kann man Geschichte erleben?

Das Museum zum Warschauer Aufstand ist sehr interessant.

Aufst5Falls man die Details aus dem Geschichtsunterricht vergessen hat, hier wird noch mal deutlich, wie sehr Polen im 2. Weltkrieg die geschichtliche Arschkarte gezogen hatte. Als im August 1944 der Aufstand losbrach, wussten die ca. 40.000 Kämpfer der Heimatarmee leider nicht, dass sie schon vom ersten Tag an verloren hatten. Wie sich der Aufstand in die Ereignisse des 2. Weltkriegs und die Zeit des Sozialismus danach einfügt, wird sehr anschaulich erklärt. War man einmal im Museum, sieht man auch noch häufiger überall in der Stadt die Gedenktafeln für die einzelnen Kampforte, die auch noch heute sehr gepflegt werden.

Und dann ist da noch die jüdische Geschichte in Warschau. Schon 1944 haben noch die Deutschen das Ghetto komplett zerstört, so dass davon nichts mehr zu sehen ist. Es gibt ein Museum zur jüdischen Geschichte, das wir uns allerdings nicht angesehen haben. Stattdessen waren wir auf dem jüdischen Friedhof, der außerhalb der Stadt bereits seit 1806 existiert hat.

JF3Das Gelände ist sehr groß und es fehlen die Gelder um den jahrzehntelangen Zerfall auch nur ansatzweise Einhalt zu gebieten. Der Friedhof wächst aber immer noch, weil sich inzwischen verstorbene Holocaustüberlebende oder Familienmitglieder hier begraben lassen.

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Wo kann man gut shoppen gehen?

Es gibt jede Menge Einkaufszentren mit einigen Marken, die es in Deutschland nicht gibt. Für wen das nichts ist, der muss etwas auf die Suche gehen. Es gibt einige nette kleine Boutiquen, allerdings sind diese sehr über die Stadt verteilt. Besonders schön fand ich den Femi Pleasure Shop und Showroom. Die Marke umfasst Freizeit- und Sportkleidung für Frauen. Im Shop selbst gibt es aber auch Accessoires und Dekoartikel von anderen Marken sowie ein kleines Café mit gesunden Leckereien.

Ebenfalls empfehlenswert ist die polnische Modemarke Solar, die aus Posen stammt, inzwischen aber auch außerhalb Polens vertreten ist.

Wo kann man lecker essen … und trinken?

Unsere kulinarische Entdeckung von Warschau orientierte sich an einer wesentlichen Frage: Kann man da was mit Roter Beete machen? Kann man. Abends haben wir in Praga gegessen. Neben dem Hotelbistro ist hier empfehlenswert:

Bal Bar für veganes Essen, wie Risotto mit Waldpilzen, Spinat und Tomaten oder scharfe Kichererbsenpfanne

Skamiejka, ein kleines „Wohnzimmer“ für russische Hausmannskost, z. B. Soljanka, Borschtsch und Pelmeni

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Il Mijo, eine süße, kleine Eisdiele mit selbstgemachten, wechselnden Eissorten, auch in vegan

Für das Bier danach:

W Oparach Absurdu, gemütliche Bar mit Vintagemöbeln und guter Musik

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4 Pokoje Café, für ein schnelles Bier noch vor 22 Uhr

Sklad Butelek, im Hinterhof der 11 Listopada, neben dem Club Chumry (Live-Musik, kann man auch draußen hören) und dem Hostel Fabryka.

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Im Rest der Stadt…

… gibt es natürlich auch kulinarische Anlaufstellen. Besonders hervorzuheben ist, und hier reihen wir uns in eine lange Reihe vorangegangener Fürsprecher in anderen Empfehlungslisten ein, die veganen Burger von kroWarzywa. Es gibt diverse Patty-Varianten aus Tofu, Seitan, Nüssen, Kichererbsen oder gegrilltem Gemüse. Ich empfehle: den Seitanburger (sehr fest und knusprig) mit roter Beete, scharfer Tomatensoße und veganer Mayonnaise.

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Außerdem hat Warschau ein großes Angebot an Food Trucks, die unter der Woche häufig in Bürogegenden stehen. Wir haben getestet: Pan Szama – Original Klops Truck und Farsz Food (Pieroggi). Bei ersterem kann man aus 4 Klöpschen-Sorten wählen (Truthahn, Rindfleisch, Fisch oder Gemüse), dazu Salat, Soße und Brot oder Buchweizen-Grütze als Beilage. Bei zweiterem wählt man aus 7 Sorten Pieroggi 6 oder 12 aus und genießt sie mit Dill-Knoblauch-Soße.

Wo gibt es guten Kaffee?

An dieser Stelle hält sich unser Enthusiasmus in Grenzen. Selbst in den empfohlenen Cafés bekommt man manchmal nur mittelmäßigen Kaffee. Mit gutem Gewissen empfehlen können wir aber die Ministerstwo Kawy direkt am sogenannten „Plac Hipstera“ Plac Zbawiciela.

Zumindest leckeren Kuchen bekommt man außerdem im Café Kafka, bei dem man ganz entspannt in der Sonne auf der Wiese relaxen kann.

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