Von Hong Kong ging es für uns weiter nach Taiwan. Zunächst in die Region Alishan im Landesinneren, dann nach Taichung und schließlich nach Taipei. Und was sollen wir sagen, es hat uns außerordentlich gut gefallen. Von portugiesischen Eroberern “Formosa” (die “Schöne) getauft, sagen wir, Taiwan ist famos – im alten von Sinne “viel besprochen” und im üblichen Sinne von “großartig”.






























Man muss schon unter einem Stein leben, wenn man so gar nichts zur politischen Situation von Taiwan, der Taiwanstraße und dem Verhältnis zur Volksrepublik China gehört hat. Und wenn wir dachten, die politische Situation in Hong Kong ist komplex, setzt Taiwan noch mal eins oben drauf.
Wie vielschichtig die taiwanische Identität ist, spürt man sofort. Nur einige Versatzstücke sind:
- über Jahrhunderte chinesisch geprägt, auch heute mit engen Wirtschaftsbeziehungen und kulturellem Austausch mit der Volksrepublik aber gesellschaftlich mehrheitlich Anti-Volksrepublik eingestellt
- politisch wird die Unabhängigkeit betont, gleichzeitig herrscht große Abhängigkeit – wirtschaftlich von China, sicherheitspolitisch von den USA
- 50 Jahre besetzt durch Japan, aber die Unterdrückung wird ambivalent überlagert durch die Modernisierung des Landes in dieser Zeit und die damit verbundene Loslösung von chinesischer Kontrolle, die als Moment der Bewusstwerdung einer taiwanischen Identität wahrgenommen wird



- der weißer Terror unter Chiang Kai Chek ab 1947 bis in die 1960er kostete eine ganze Generation, während das Regime als Bollwerk gegen den Kommunismus von den USA unterstützt wurde; trotzdem wird die Gründung der Republik China in Taiwan als Rettung vor der Vereinnahmung durch die Volksrepublik verstanden. Heute stehen die Chiang Kai Chek-Gedächtnishalle und das Mahnmal an die Opfer seines Terrorregimes nur wenige Meter entfernt von einander


- die USA sind ein historisch unverlässlicher Partner, der Taiwan bis 1972 unterstütze, bis die Volksrepublik China als Handelspartner und Verbündeter gegen die UdSSR wichtiger wurde und die USA den Ausschluss Taiwans aus der UN angestoßen haben; trotzdem bleibt eine starke Orientierung Richtung USA bis heute bestehen
- Im Ethnonationalismus der Republik China (Taiwan) und auch schon Jahrhunderte zuvor wurden die indigenen Bevölkerungsgruppen zur Assimilation in eine “chinesische Gesellschaft” gedrängt; heute wird ihre kulturelle Einzigartigkeit betont, um sich von China zu distanzieren, und sie touristisch auszuschlachten
- die militärische Bedrohung durch die Volksrepublik, für die Taiwan nach wie vor ein untrennbarer Teil ihres Territoriums ist, ist allgegenwärtig; aber die Bereitschaft, das eigene Land militärisch zu verteidigen, sinkt beständig und spiegelt eine in der gesamten Gesellschaft stark ausgeprägte Risikovermeidung wider. Und so klammert sich das Land an einen Status Quo, dessen Erhaltung es am Ende gar nicht kontrollieren kann

Welchen Einfluss hatte das auf uns als Reisende in Taiwan, abgesehen davon, dass wir viel gelesen, recherchiert und diskutiert haben? Tatsächlich war unser erster Eindruck, als wir von Taichung mit einem Mietwagen ins Landesinnere gefahren sind, wie “japanisch” uns alles erschien. Das ist nicht schlecht – uns hat es in Japan gut gefallen – aber doch im ersten Moment überraschend, weil die japanische Besatzung nur so kurz gedauert hat. Aber so haben wir in Konbinis geshoppt, japanisches Essen genossen und uns über Schnellzüge gefreut.


Außerdem waren wir während des Herbst-Festivals da, einem in ganz Asien verbreiteten Feiertag (oder eher Feiertagswoche), der ganz klare chinesische Kulturbezüge hat.







Von den indigenen Bevölkerungen haben wir tatsächlich ausschließlich im touristischen Kontext rund um den Sonne-Mond-See, Taiwans größtem See, oder in Ausstellungen erfahren.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identität ist aber allgegenwärtig, nicht zuletzt, weil Kultur als ganz maßgeblich identitätsstiftend verstanden wird. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, das viele Museen und Kultureinrichtungen kostenlos oder sehr günstig besuchbar sind und die Wissensvermittlung wirklich gut und kritisch erfolgt.
Wir haben in Taichung das Staatliche Museum für Bildende Kunst kostenlos besucht. Hier wurden gerade die Preisträger*innen eines nationalen Kunstwettbewerbs vorgestellt, sowie einen Teil der Dauerausstellung, der sich intensiv mit der Frage der taiwanischen Identität auseinandersetzt.







Auch im Taiwan-Museum in Taipei haben wir einiges gelernt, nicht nur über Natur, Geografie und Geschichte, sondern vor allem auch über die Auseinandersetzung mit dem Platz der indigenen Bevölkerung im heutigen Taiwan.

